Bericht über die Reise nach Moldova

Ich auf dem bahnhof :-)





Wenn man sich auf eine Reise nach Moldova vorbereitet und Infos sammelt,
bekommt man den Eindruck in was für einen Horrorstaat man da fährt.




Schreckensmeldungen ohne Ende:
Armut, Kriminalität und Korruption. Und dann allein dahinfahren, ohne einen Menschen zu kennen? Auch wenn ich auf meiner Reise manchmal Zweifel an meiner eigenen Courrage hatte, so habe ich diese Reise nie bereut und kehre bereichert zurück.

Die Anreise sollte, als ehemaliger Eisenbahner und immer noch Eisenbahnfan, standesgemäß mit dem Zug erfolgen.So fand ich im Internet den direkten Schlafwagen Warschau - Chisinau, den ich ab der polnischen Grenzstadt Przemysl benutzte. Der Preis der Strecke Przemysl-Chisinau betrug ( Bei Buchung in Deutschland, kann vor Ort billiger sein ) ca 45 Euro, plus 9 Euro Bettkarte. Die Fahrzeit 24 Stunden. Der Zug wird über Valcinet ( Grenze ) und Balti geführt, man muss nicht mehr durch Transnistrien. Die Fahrt war durchaus angenehm, die Grenzkontrollen bei mir nicht der Rede wert. Zugtafel

Andere wurde schon gründlicher gefilzt. Unterwegs gabs Tee von der Schlafwagenbetreuerin und ich hatte einen netten Moldauer mit im Abteil, mit dem ich mich mit bruchstückhaften Deutsch, Englisch und mit Händen und Füßen verständigte. Eine durchweg angenehme Reise, auf der ich viel von der Landschaft mitbekommen habe. In Valcinet, dem ersten Halt in Moldova, sieht man schon einiges vom ärmlichen Landleben. Babuschkas, die eigentlich einen geruhsamen Lebensabend verdient haben, versuchen alles mögliche an die Bahnreisenden zu verkaufen, streunende Hunde betteln um einen Brocken, freilaufende Haustiere suchen ihr Futter bei den Bahngleisen.

Bahnhofsgelände Etwas genervt war ich von einer jungen Moldauerin die sich ungebeten in mein Abteil setzte und meinte mit mir ( in englisch ) Konversation treiben zu müssen, die auf ein ausfragen meiner Person hinauslief. Ich hatte so den Eindruck das ich abgeklopft wurde ob bei mir als ach so reichen Westler ( bin armer Student ) was zu holen ist. Nach dem sie mir dann noch in Chisinau ein teures Apartment aufschwatzen wollte, was ich ablehnte, wurde ich sie los.

Unorganisiert wie ich manchmal bin, hatte ich mir zwar einige Hotels im Internet angeschaut aber nichts gebucht und natürlich auch keine Adressen ausgedruckt. So landete ich im Hotel National. Ich wählte die billigste Kategorie von Zimmern aus und kam so in den Genuss des Charmes der Sowjetzeit. Irgendwann muss da an der Wand mit der Blümchentapete mal ein Bild gehangen haben, vielleicht war es Gorbatschow, oder schon Breschnew ? Das Zimmer entsprach nicht den geforderten 35 Euro pro Nacht, aber es war sauber und man konnte es für ein paar Tage aushalten. Auch erwies sich das Hotel National nicht als die Servicewüste, als die ich es aus Reiseberichten kannte. Die Dame an der Rezeption war freundlich und hilfsbereit, die Etagendamen ebenso und für ein Lächeln bekam ich auch immer eins zurück. Bei meiner Ankunft in Chisinau regnete es in Strömen und es war auch schon etwas spät fürs Abendessen, so wählte ich das Hotelrestaurant für diesen Abend. Ich blieb der einzige Gast, das Personal war deutlich in der Mehrzahl. Eine imposante Speisekarte mit allein drei Varianten Borschtsch wurde mir gereicht. Natürlich gab es nichts von all dem tatsächlich. Immerhin konnte man mir eine Nudelsuppe anbieten. Beim Fleisch gab es die Wahl zwischen Schwein und Huhn, gebracht wurde mir dann aber eine Art Rindsroulade. Ich kam mir etwas in die Planwirtschaft zurückversetzt vor, aber ich will nicht meckern, das Essen war gut. Den nächsten Tag nutzte ich zur Stadtbesichtigung. Ich mag Chisinau, vor allem das viele Grün, die Parks, Kirchen, Museen. Die kulturellen Errungenschaften, wie Theater, blieben mir wegen der Sommerpause verschlossen. In der orthodoxen Kathedrale geriet ich zufällig in eine Heilige Liturgie, zelebriert vom Metropoliten höchstpersönlich. Nur das die orthodoxe Liturgie immer so lange dauern muss! Natürlich besuchte ich auch die römisch-katholische Kathedrale. Palast

Die Stadt ist besser als ihr Ruf, wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man hier gut leben. Sicher gibt es auch hier die Trias von Armut, Korruption und Kriminalität und ich weis auch das der Boulevard Stefan cel Mare nicht Moldova ist. Ich habe auch Menschen gesehen die in Konkurrenz mit Katzen und Hunden nach Marktschluss die Abfälle des zentralen Marktes durchwühlten.

Der wirklich hübsche Bahnhof von Chisinau scheint ein besonders schützenswertes Gut zu sein. Anders kann ich mir das Aufgebot der Staatsmacht und deren Interesse an mir nicht erklären. Als ich, oh welch Verbrechen, am späten Abend noch nachschauen wollte, wann denn Züge nach Absurdistan, äh Transnistrien gehen, wurde ich erst gar nicht ins Empfangsgebäude gelassen. Als ich einen anderen Eingang benutzte um an den Fahrplan zu kommen, kamen mir schon zielgerichtet zwei Polizisten entgegen, die natürlich weder Deutsch noch Englisch sprachen. Da ich zu allem Unglück auch noch meinen Pass im Hotel liegen lassen hatte, ging es erst mal aufs Revier. Ich konnte ja meine Karte vom Hotel National und meinen Personalausweis vorzeigen und die haben auch tatsächlich beim Hotel angerufen. Auf mein Angebot zusammen zum Hotel zu gehen, gingen sie nicht ein. Nach dem sie einsahen das sie so nicht weiterkommen, wurde ein Mitarbeiter des CFM Sicherheitsdienstes (Calea Ferata din Moldova, Moldauische Eisenbahn) gerufen, der deutsch sprach, weil er bei der Roten Armee in der DDR gedient hat. Der war sehr nett und die Sache klärte sich sehr schnell, er ging mit mir sogar zusammen zur Information um die nötigen Auskünfte zu erhalten. Einige Tage darauf geriet ich doch schon wieder in Konflikt mit der Staatsmacht und das wieder am Bahnhof, wo ich böser Mensch doch tatsächlich Fotos machen wollte, wie verdächtig! Auch diesmal kam mir Boris, so heißt der nette Sicherheitsmensch, zu Hilfe als ich mich in den Fängen von natürlich weder Deutsch noch Englisch sprechender Polizisten befand. Ich erklärte ihm das ich Eisanbahnfan bin und mir der Bahnhof sehr gefällt und das die Deutsche Bahn sich bei der Sauberkeit mal ne Scheibe abschneiden kann. Daraufhin machte er sogar noch ein Foto von mir in Bahnhof und wir verabschiedeten und entspannt.

Tempel Eigentlich wollte ich ja nicht nach Transnistrien fahren, nach all dem was man so hört. So einen Banditenstaat auch noch unterstützen, dass muss ja nicht sein. Als ich aber dann einen Deutschen traf, der mir berichtete, er war mit Auto und Kindern dort gewesen und es hätte keine Probleme gegeben, entschloss ich mich doch zu einem Tagesausflug. Trotz aller Nachrichten über die Einstellung des Zugverkehrs nach und durch Transnistrien verkehrten zumindest zwei Regionalzüge pro Tag nach Bendery. Ich verschmähte den schnelleren und bequemeren Bus und nahm einen mit Holzbänken ausgestatten Dieseltriebwagen der Bauart D1, die überall in der ehemaligen Sowjetunion fahren. Die fahrt dauerte ewig, wir hielten an jeder Milchkanne, aber irgendwann kamen wir am "Bahnhof" Bendery 2, etwas zu einem Bahnsteig aufgeschütteter Dreck mit einem Verkaufscontainer, an. Nur gab es keinerlei Grenzkontrolle, also auch kein Tagesvisum für Transnistrien. Etwas verwirrt bestieg ich ein Marschrutka ins Zentrum und konnte es mit Moldauischen Lei bezahlen. Mir erschien Bendery fremdartig, anders, russischer und ärmer als Chisinau oder andere Städte in Moldova. Ich kam mir wie in eine andere Welt versetzt vor. Wechselbuden für Dollar Euro und Lei sagten mir, dass ich mich in der Gegenwart befinde. Ich wechselte Geld und aß etwas in einem schäbigen Lokal. Hässlichkeit und Armut umgaben mich. Bettelnde Babuschkas mit Goldzähnen, personenbediente Wasserautomaten, mich penetrant belästigende Zigeunerinnen, kaputte Häuser, kein Internetcafe, keine vernünftige Gastronomie, eine bedrückende Stimmung, das sind meine ersten Eindrücke von Bendery und Transnistrien. Sicherlich täuscht der oberflächliche Blick, man gewöhnt sich an alles, aber ich fand es einfach nur schrecklich. Ich empfand Assoziationen mit Paul Austers Buch " Im Land der letzten Dinge". Vorerst ging ich mal in die schöne orthodoxe Kirche, spazierte dann einwenig umher, suchte die katholische Gemeinde, fand sie aber nicht.

Orthodoxe Kirche Schließlich kam ich zum Busbahnhof und verzichtete deprimiert auf die Weiterfahrt nach Tiraspol. Vielleicht war das ein Fehler, vielleicht hätte ich andere, positivere Eindrücke gewinnen können, aber ich hatte genug. Im vorbeifahren sah ich die Festung, Panzer, Straßensperren, wo war ich nur hier? Nun kam das Problem, wohl war am Bahnhof keine Kontrolle, an der Strasse aber schon. Da ich kein Papierchen besaß, wurde ich an der "Grenze" herausgefischt. Ich erklärte die Situation am Bahnhof Bendery 2 und legte meinen Fahrschein dahin vor. Obwohl es eindeutig Schuld des Regimes ist, wenn sie am Bahnhof keine Kontrollen durchführten, wurde von mir eine Strafgebühr verlangt, nicht etwa in den wertlosen Transnistrischen Rubeln, sondern in Dollar, 20 an der Zahl wollte man von mir. Normalerweise wäre ich hart geblieben, aber ich war eh völlig entnervt, wollte nicht meinen Bus verpassen und mit Banditen kann man eh nicht reden, so einigten wir uns auf die Zahlung der Summe in Lei, da ich keine Dollar besaß. Die geforderte Quittung dafür erhielt ich natürlich nicht, so das ich vermute, dass das Geld in der Tasche des Grenzers landete. Auch musste ich jede Menge Formulare unterschreiben, keine Ahnung was es war, ich werde wohl besser nie wieder Absurdistan betreten, wer weiß was ich da unterschrieben habe? Auch wenn das jetzt übertrieben klingt, ich war froh als ich wieder moldauischen Boden unter den Füssen hatte und machte drei Kreuze.

An einem anderen Tag besuchte ich in einem Dorf in der Nähe von Chisinau einen deutschen katholischen Priester, dessen Adresse ich von der Homepage des Bistums Chisinau hatte. Ich hatte ihn per Mail kontaktiert und er hatte mich (bin Theologiestudent und Priesteramtskandidat) in seine Pfarrei eingeladen. Ich besuchten den Gottesdienst, lernte einige Leute kennen und am nächsten Tag machten wir mit den Jugendlichen der Gemeinde einen Ausflug nach Alt Orhei und besichtigten das Höhlenkloster. Man erkennt dort die beginnende touristische Entwicklung, es gib ein Hotel mit Restaurant und eine Informationsstelle. Die Landschaft ist wunderschön und auch hier konnte ich die Feier der orthodoxen Liturgie, noch dazu in einer Kirche in der Höhle erleben und die Kargheit der in den Fels gehaunen Mönchszellen betrachten. Im Anschluss grillten wir gemeinsam und es gab interessante Gespräche, einige Jugendliche konnten Deutsch bzw. Englisch. Ich glaube ohne diese Begegnungen, nur mit touristischen Programm, hätte ich sicher nicht so viel mit nach Hause genommen und es wäre etwas öde gewesen. Wenn man die Menschein eines Landes nur in der Rolle als Dienstleister erfährt, lernt man Land und Leute eben nicht wirklich kennen.

Bevölkerung Nach dem erfolglosen Versuch einen Wagen zu mieten und negativen Erfahrungen mit Taxifahrern entschloss ich mich, an meinem letzten ganzen Tag, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Saharna zu fahren. Am Vorabend am Nordbusbahnhof angekommen, stellte sich heraus das nur ein Bus, gegen 12 Uhr zu dem Ort mit der Klosteranlage fährt und das danach keiner mehr am selben Tag zurückfährt. Durch die Hilfe eines freundlichen englischsprechenden Busfahrers und der Frau an der Information erwarb ich dann ein Ticket für einen Bus um ca. 7.30 Uhr nach Rezina, der nächstgelegenen Stadt. Von dort fuhr ich mit dem Taxi zur sehenswerten Klosteranlage in hübscher Landschaft. Zum wandern war das Wetter leider zu schlecht, ansonsten wäre das dort sicher sehr schön. Es gibt da mehrere Teile zu besichtigen, nur ohne Ortskenntnis oder Führung gestaltete sich das schwierig. Von touristischer Infrastruktur kann keine Rede sein. Die Strasse nach Saharna ist in einen katastrophalen Zustand. Es gibt keine Information, keine Gastronomie, lediglich einen Kiosk mit Knabbereien und Getränken. Zurück fuhr ich mit einem Marschrutka. Auch der Blick auf den Dniestr und ins verfeindete Transnistrien ist schön. Auch hier gibt es keine touristische Nutzung. Rezina selbst ist durch Plattenbauten, z.T. unvollendete Ruinen geprägt, ansonsten aber angenehm grün.

Bus kaputt Der Busbahnhof ist vollkommen abgelegen und nur über katastrophale Strassen erreichbar. Hier wollte ich weiterfahren nach Balti. Da der Bus erst in zwei Stunden fuhr, wollte ich es mit dem Zug versuchen. Der Bahnhof ist weit außerhalb, eine weite Taxifahrt. Um dorthin zukommen muss man durch das Gelände einer riesigen Zementfabrik fahren, wobei ich vom Sicherheitsdienst misstrauisch beäugt wurde. Der Bahnhof St. Mateuti liegt an der Strecke Balti- Rabnita (Transnistrien) , soweit ich weiß ist der Verkehr nach Transnistrien aber eingestellt. Zweimal täglich fährt eine D1 Garnitur als Regionalzug nach Balti. Auch gibt es ein hohes Güterwagenaufkommen durch das Zementwerk.

Balti besichtigte ich sozusagen auf dem Sprung, so wahnsinnig viel zu sehen gibt es ja nicht. Gegen Abend fuhr ich mit dem Bus zurück nach Chisinau. Eigentlich wollte ich ja mit dem zweimal wöchentlich verkehrenden direkten Schlafwagen Chisinau - Istanbul weiterfahren. Der wurde aber entgegen geltenden Fahrplan eingestellt. So nahm ich die Gelegenheit war, nach einer Woche erfüllten Aufenthalt, für 79 Euro mit Air Moldova nach Istanbul zu fliegen. Und das in 1 Stunde und 40 Minuten, an Stelle von 40 Stunden Bahnfahrt. Moldova steht in den Urlaubsplänen für nächstes Jahr wieder oben auf der Liste, es war eine schöne Zeit, ich habe das Land liebgewonnen.

Vielen dank an *Fuente* für seinen Bericht
den er der Globetrotter HP zur verfügung gestellt hat.